iXNet-Podcast – im Gespräch mit Christina Marx
Moderation und Podcast-Host: Andreas Brüning
Christina Marx:
„Ich glaube, dass Inklusion wirklich eine Lebensaufgabe ist. Und ich kann auch die Ungeduld vieler Menschen mit und ohne Behinderung verstehen, die sagen: Das geht uns alles nicht schnell genug mit der Umsetzung.“
Andreas Brüning:
Wir finden für Sie heraus, liebe Hörerinnen und Hörer, was Fußball und REWE-Supermärkte mit Inklusion zu tun haben. Warum gerade der Mittelstand beim Thema Teilhabe oft vorangeht und gehen sollte. Und wie mehr arbeitslose Akademikerinnen und Akademiker mit Behinderung in gute Arbeit kommen können – darüber spricht Christina Marx gleich.
Ich bin Andreas Brüning, Ihr iXNet-Podcast-Host.
Christina Marx ist Diplom-Dolmetscherin für Englisch und Französisch und arbeitete als Kommunikationsberaterin. Vermitteln, übersetzen, Kontexte verbinden – das prägt ihren beruflichen Weg.
Über zwei Jahrzehnte war sie in Ministerien und Verbänden tätig. Seit 13 Jahren ist sie in der Öffentlichkeit das Gesicht der Aktion Mensch.
Christina Marx:
„Ich bin bei der Aktion Mensch in zwei Funktionen, wenn man so will. Einmal bin ich Mitglied der Geschäftsleitung. Das heißt, wir entscheiden hier mit dem Vorstand zusammen über die strategischen Stoßrichtungen der Aktion Mensch, der Soziallotterie: Wo geht’s hin in der Förderung? Wo geht’s hin in der Lotterie? Und darüber hinaus bin ich die Sprecherin der Aktion Mensch. Und damit natürlich auch immer sehr stark befasst mit den inhaltlichen Themen: Was tut sich draußen in der Welt im Kontext Inklusion? Was sind Themen, die uns unter den Nägeln brennen – insbesondere eben auch mit Blick auf Menschen mit Behinderung und aus der Sicht von Menschen mit Behinderung?“
Andreas Bruening: Was der Community auf den Nägeln brennt, hat die Aktion Mensch in einer Umfrage erhoben. Drei Themen stehen besonders im Fokus – sie ähneln den Sorgen vieler Menschen insgesamt.
Christina Marx:
„Und da gibt es drei Themen, die sozusagen herausstechen, auch mit Blick auf Anforderungen an die Politik. Und das ist einmal das Thema Gesundheit und soziale Sicherungssysteme. (Ich glaube, das ist total nachvollziehbar. In Zeiten, in denen wir uns befinden, dass wirklich gekürzt wird, an Sozialleistungen.) Das ist das Thema Wohnen – wo finde ich barrierefreien Wohnraum – und das ist das Thema Arbeit.“
Andreas Bruening: Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist allgemein schwierig. Für Menschen mit besonderen Anforderungen in Sachen Barrierefreiheit einmal mehr. Die Sorgen der Befragten mit Beeinträchtigungen sind für Christina Marx deshalb auch eine Botschaft an die Regierenden.
Christina Marx:
„Also wirklich auch der Auftrag an die Politik: Sorgt gefälligst dafür, dass wir gute Voraussetzungen finden, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.“
Andreas Bruening: Dabei klagt die Wirtschaft gleichzeitig über Fachkräftemangel. Ein Widerspruch, findet Christina Marx – und nennt konkrete Zahlen.
Christina Marx:
„Wenn ich mir die Arbeitslosenzahlen angucke, dann reibe ich mir immer ungläubig die Augen, denn über 50 Prozent der arbeitslosen Menschen mit Behinderung haben eine abgeschlossene Ausbildung oder sogar ein Studium. Ich frage mich, warum gelingt es nicht, die 10.000 Akademikerinnen und Akademiker mit Schwerbehinderung, die arbeitslos gemeldet sind, dass die einen Job finden.“
Andreas Bruening: Einige Antworten gibt sie selbst. Manche Jobbewerberinnen und Jobbewerber ziehen sich nach wiederholten Ablehnungen zurück. Diese Menschen müsse man gezielt wieder erreichen – so Christina Marx. Zugleich sei es ebenso notwendig, bei potenziellen Arbeitgebern wie auch in der Gesellschaft insgesamt kontinuierlich für Offenheit, Teilhabe und Vertrauen zu werben.
Christina Marx:
„Also es braucht auf jeden Fall eine größere Offenheit. (Das sehen wir immer wieder, dass es immer noch viele Vorbehalte gibt, bezüglich Leistungsunterschiede, die da vielleicht sind, oder dass das im Team nicht funktioniert.) Diese Schranken im Kopf, die müssen tatsächlich überwunden werden.“
Andreas Bruening: Aber wie?
Christina Marx möchte mit der Aktion Mensch bewusst in die Gesellschaft hineinwirken. Entscheidend sei, dass Arbeitgeber sich auf schwerbehinderte Menschen einlassen und ihnen zunächst ermöglichen, einen Fuß in ein Unternehmen oder eine Institution zu setzen – um einander kennenzulernen, Berührungsängste abzubauen und Vertrauen wachsen zu lassen. Kurz: die Hemmschwelle zu senken. Seit zehn Jahren kooperiert sie hierzu mit der REWE Group.
Christina Marx: „Das hat angefangen damit, dass wir Losgutscheine in den REWE-Märkten verkauft haben. Es war so eine Vertriebspartnerschaft, und dann haben wir aber in Gesprächen herausgefunden, der REWE ist eigentlich wirklich wichtig. Und da haben wir deren Werte und unsere Unternehmenswerte auch mal übereinandergelegt und gesagt: Was kann ich als Unternehmen eigentlich auch tun, um Inklusion voranzubringen?
Wir haben angefangen, inklusive Spielplätze zu bauen, weil wir gesagt haben, das ist etwas, wo Kinder mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen zusammenkommen können – und das gibt es zu wenig in Deutschland. Die einen haben Geld und Reichweite, wir haben die Kompetenz, und dann muss man wirklich auch gucken, ob man in der Kommunikation gut zusammenpasst.“
Andreas Bruening: Es passte. Und über die REWE Group kam auch der Kontakt zum 1.FC Köln zustande, erzählt die gebürtige Kölnerin. Gemeinsam machen sie sich jetzt auch für Inklusion stark. – Christina Marx setzt auf die integrative Kraft des Sports.
Christina Marx:
„Sport ist doch ein perfekter Treiber für Inklusion, weil man sowohl im Breitensport ganz niedrigschwellig zusammenkommt als auch im Spitzensport Menschen hat, die eine Vorbildfunktion haben. Also Breite und Spitze kommen da zusammen. Die einen haben vielleicht so einen Leuchtturm-Effekt, und auf der anderen Ebene des Breitensports können wir uns einfach begegnen – Menschen mit und ohne Beeinträchtigung oder auch mit Migrationsgeschichte. Da ist der Sport einfach perfekt, weil auch nicht immer Sprache eine Rolle spielt, weil auch nicht immer Leistung das entscheidende Kriterium ist.“
Andreas Bruening:. Deswegen sei die Aktion Mensch auch Partner der Paralympics. Zudem überlege Christina Marx gemeinsam mit dem 1. FC Köln Inklusionsstrategien – etwa barrierefreie Stadien, damit auch Menschen mit Beeinträchtigung als Fans mitfiebern können. Der 1. FC Köln mit seinen 160.000 Mitgliedern könne dabei einen wichtigen Impuls in der Gesellschaft setzen.
Christina Marx: „Es freut mich sehr, weil der FC sich jetzt auch die Fahnen geschrieben hat, eine Inklusionsstrategie zu erarbeiten. Und ein so großer Verein hat sicherlich auch eine Kraft, in die ganze Fußball-Landschaft hineinzustrahlen. Das zumindest ist meine Hoffnung. Dafür krempele ich die Ärmel hoch.“
Andreas Bruening: Sport also als großer Inklusions-Taktgeber – auch in Fragen der Barrierefreiheit? Christina Marx verweist auf einen weiteren potenziellen Leuchtturm bei der Förderung von Menschen mit Behinderungen im Beruf: den Mittelstand. Er gehe bereits mit gutem Beispiel voran, könne in Sachen Inklusion jedoch noch stärker Impulse setzen.
Christina Marx:
„Ich finde immer sehr ermutigend, dass es oftmals eigentlich die kleinen oder mittelständischen Unternehmen sind, die mit gutem Beispiel vorangehen. Alle klagen über Arbeitskräfte- und Fachkräftemangel, und der Mittelstand und gerade die kleinen Betriebe, die vielleicht auch gar nicht unter die Beschäftigungspflicht fallen, die sind da viel schneller, fast so wie kleine Beiboote. Also ich bin dann auch eher mal bereit und sehe den Nutzen darin, Menschen mit Beeinträchtigungen zu beschäftigen.“
Andreas Bruening: Von Personalabteilungen wünscht sie sich mehr Flexibilität – und Mut zur Nutzung digitaler Möglichkeiten.
Christina Marx: „Es gibt so viele flexible Arbeitszeitmodelle. Es gibt so viele Möglichkeiten durch die Digitalisierung, die Remote-Arbeit, also Homeoffice, einfach so easy möglich macht. Und oftmals sind das ja akademische Berufe, die eben nicht am Band stattfinden, sondern eher mit dem Kopf stattfinden und die man eben auch orts- und ungebunden ausführen kann. (Also da ist es) In unserer Aufklärungsarbeit, machen wir uns da sehr stark.“
Andreas Bruening: In ihrer Kinder- und Jugendstrategie 2030 will die Aktion Mensch auch Eltern darin bestärken, beeinträchtigte Kinder intensiver und gezielter zu fördern. „Man müsse dafür ganz bewusst auch die Übergänge in den Blick nehmen“, sagt die Sprecherin der Aktion Mensch: zwischen Schule und Beruf, zwischen Ausbildung und Arbeitsleben. Wie würde ihre Jobbeschreibung aussehen?
Christina Marx:
„Also Barrierefreiheit, Beratung für Unternehmen, für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen und auch für Studierende und gerade für junge Menschen – dass wir die Stärke entwickeln. Das wäre so meins.“
Andreas Brüning:
Das war Christina Marx, Sprecherin und Mitglied der Geschäftsleitung der Aktion Mensch e.V..
Ich bin Andreas Brüning vom iXNet-Team.
iXNet ist ein Angebot der Bundesagentur für Arbeit, der ZAV – dem Service für schwerbehinderte Akademiker.