IXNet-Podcast mit Casey Kreer
Casey Kreer: Ein Regierungsmitarbeiter aus einem Bundesland von der SPD hat mich mal die Nervkröte genannt.
Andreas Brüning: Nerven für digitale Barrierefreiheit – das tut Casey Kreer. Die Dresdnerin stelle ich Ihnen heute vor. Ich bin Andreas Brüning vom iXNet-Team.
Andreas Brüning: Casey Kreer ist sehr groß. Sie ist queer, autistisch und seit ihrer Kindheit sehbehindert. Und sie hat eine Leidenschaft: Computer.
Casey Kreer: Ich bin sehr jung. Ich bin Mitte 20. Dementsprechend bin ich mit der „neuen Technologie“ aufgewachsen. Mein erstes iPhone hatte ich mit neun. Das war das erste, wo es VoiceOver als Screenreader gab, was dann zugänglich gewesen ist. Und ich hatte sehr viel Spaß damit. Und dann habe ich mich gefragt, wie man mehr mit dieser Technologie machen kann, und dann habe ich mit neun, zehn angefangen zu programmieren. Dann habe ich Informatik angefangen zu studieren, das dann aber abgebrochen, wegen fehlender Barrierefreiheit. Und bin dann eigentlich direkt in die Selbstständigkeit gerutscht, wo ich Menschen etwas über Barrierefreiheit erzähle.
Andreas Brüning: Das hat sie auch gerade getan. Wir haben uns am Berliner Hauptbahnhof verabredet, sie kommt direkt von Kunden in Berlin. Diesmal keine Regierungsbehörde, sondern Privatwirtschaft.
Andreas Brüning: Bei Mainz auf dem Land ist Casey Kreer aufgewachsen. Sie ist in eine inklusive Regelschule gegangen, erzählt sie, sei aber viel allein gewesen. Ihr Begleiter: der Computer.
Casey Kreer: Zur digitalen Barrierefreiheit bin ich über das Gaming gekommen. Ich habe früher, wie viele Menschen in meinem Alter, gerne am Computer gespielt. Habe dann aber früh gemerkt: Ich kann viele Spiele nicht so gut wie andere – die haben mich bei der Entwicklung nicht mitgedacht. Habe dann angefangen, selbst kleine Spiele zu entwickeln, die mit anderen zu teilen, mit anderen zusammen zu spielen. Und da war die User Experience, die Einfachheit der Benutzung, ein großer Gedanke dahinter. Und so bin ich hier gelandet.
Andreas Brüning: Mittlerweile lebt die Mittzwanzigerin in Dresden und berät Regierungsbehörden. Denn obwohl Gesetze eigentlich ein freies Internet für alle garantieren, sei da noch sehr viel Luft nach oben, sagt sie. Dafür will sie kämpfen. Sie macht Studien. Sie will das Digitale zu einem inklusiven Raum machen – Nervensäge sein.
Casey Kreer: Was mich am meisten bewegt, ist irgendwie die Aussicht, etwas für andere Menschen zu machen, und zwar für eine sehr, sehr große Gruppe an Menschen, die darauf angewiesen sind, dass digitale Leistungen und das digitale Leben zugänglich sind. Ich mag das Wort „zugänglich“ auch viel mehr als barrierefrei.
Andreas Brüning: Sie nimmt Websites und Datenbanken von Behörden unter die Lupe. Taugen die für Menschen, die nicht sehen können? Sind sie wirklich barrierefrei, also zugänglich? Die Datenbank „barrieren-gutachten.de“ sammelt auch Gutachten von öffentlichen Stellen, um Missstände sichtbar zu machen. Sind Apps oder Websites auch für Seh- und Hörbehinderte nutzbar, oder für Neurodivergente oder Menschen mit motorischer Behinderung? Ein Blick in die Datenbank zeigt: Viele öffentliche Angebote sind für diese Personen kaum nutzbar, stellen Barrieren dar. Ihr eigener Anspruch:
Casey Kreer: Ich liebe es, Sachen ordentlich zu machen und Qualität durchzusetzen.
Andreas Brüning: Es stört Casey Kreer deshalb, wenn Systeme schon installiert sind – und sie diese dann auf Barrierefreiheit trimmen soll. Sie also lediglich reparieren soll.
Casey Kreer: Dann wird das meistens nichts, weil die Sachen schon strukturell bei denen so festgefahren sind, dass letztendlich eine Inklusion unmöglich ist.
Andreas Brüning: Casey Kreer denkt dabei auch an sich selbst, sagt sie. Schließlich wolle sie Spaß an der Arbeit haben. Das heißt in der Konsequenz: Vor dem Test von Software macht sie mindestens zehn Beratungsstunden mit Kunden – um Folgendes zu verhindern:
Casey Kreer: Wenn ich jetzt irgendwie in ein Unternehmen komme und sehe: „Ja, die benutzen jetzt hier ganz viele Software, die nicht zugänglich ist und die haben ganz viele Erwartungen an mich, wie ich in deren Prozesse passen kann.“
Andreas Brüning: Typisch für Regierungsbehörden sei das Outsourcing von Beratung, kritisiert Casey, das nachträgliche „Zugänglichmachen“ von digitalen Angeboten. Das ist nicht der Weg, sagt sie.
Casey Kreer: Wie verändert man Strukturen? Indem man Kompetenz aufbaut. Indem man Leuten beibringt, was sie wie machen müssen. Indem man ihnen beibringt, worauf es wirklich ankommt. Indem man entsprechende Expertise in den eigenen Reihen hat. Gerade bei staatlichen Projekten gibt es das ganz häufig: Da kommen die Junior-Berater, die gerade mit dem Studium fertig sind. Die in ihrem Leben noch nix gemacht haben, aber die sollen dann Regierung X beraten, wie sie das für Produkt Y einsetzen kann. Da sehe ich einen großen Irrweg.
Andreas Brüning: Digitale Barrierefreiheit müsse in Behörden und Unternehmen zum Tagesgeschäft werden wie IT-Sicherheit, sagt die Computer-Expertin. Das müsse das eigene Team selbst in die Hand nehmen, nicht Externe, die im Zweifel die Bedürfnisse von Sehbehinderten gar nicht kennen.
Casey Kreer: Da erreichst du nur etwas, wenn diese Dinge im eigenen Team passieren und die nicht immer wieder outgesourct werden an andere Agenturen.
Andreas Brüning: Kann Künstliche Intelligenz Assistenzaufgaben übernehmen, etwa für Sehbehinderte?
Casey Kreer: Ich habe richtig viele befreundete Personen, die auch blind sind, die ins Schwärmen kommen, wenn sie über generative KI reden, weil sie jetzt endlich eine detaillierte Bildbeschreibung bekommen, für Sachen, wo das vorher nicht möglich gewesen ist. Das ist eine sehr große Errungenschaft.
Andreas Brüning: Aber die Konzerne hätten kommerzielle Interessen. Freiheit – auch digitale Freiheit – für alle gehöre nicht zwingend zu deren DNA, glaubt Casey Kreer. Skepsis hält sie angebracht beim Automatisierungsversprechen von KI. Nicht jede technologische Entwicklung mache den Alltag von Menschen mit Handicap automatisch leichter. Casey Kreer nennt ein Beispiel.
Casey Kreer: Das kann mir helfen, meine Waschmaschine mit Touchscreen zu bedienen. Das sind alles Sachen, wo sich die Welt von mir entfernt hat. Weil sich irgendwelche Leute mal gedacht haben: Diese Touchscreens sind total „in“, das müssen wir jetzt so machen. Wo ich mir an den Kopf greife und denke: Offensichtlich habt ihr ganz viele Leute vergessen, die das nicht bedienen können und für die Drehrädchen am besten sind.
Andreas Brüning: Aber nicht nur im ganz praktischen Alltag kommt KI mittlerweile zum Einsatz. Auch Audiodeskription ist ein mögliches Einsatzfeld – sie ermöglicht Sehbehinderten die Teilhabe an Kultur. Casey Kreer sagt:
Casey Kreer: Erst mal möchte ich klarstellen, dass Audiodeskription eine Form von Kunst ist und kreativem Schaffen, was einen sehr menschlichen Aspekt hat. Ich habe auch mit einer größeren Gruppe von zehn Menschen mit Behinderung im Rahmen von einem Projekt für den „Prototype Fund“, gefördert vom damaligen Bundesbildungsministerium, an Audiodeskription für Kurzvideos geforscht. Das Fazit war: 2023 ging das noch nicht.
Andreas Brüning: Heute könne KI eine technisch saubere Audiodeskription generieren. Die KI könne dabei auf unterschiedliche Bedürfnisse reagieren. Der eine möge die sehr ausführliche Beschreibung, die andere mehr die Kurzfassung. Über all diese Dinge schreibt Casey Kreer auch – in der taz, in netzpolitik.org. Mit „Bommel“, einer befreundeten Person macht sie einen Podcast über Behinderung und Ableismus – „All Glitches Welcome“ - sie nutzt alle Kanäle für ihren Aktivismus für eine inklusive Welt, auch im Netz.
Casey Kreer: Am liebsten wäre ich nicht mehr notwendig und kann etwas anderes machen. Ich wollte immer gerne Straßenbahnfahrerin werden – das kann ich wohl nicht, dafür bin ich wohl zu blind. Hoffentlich kann ich dann etwas anderes machen. Ich habe einen leidenschaftlichen Hass auf Computer mittlerweile. Aber ansonsten hoffe ich natürlich – erstmal als kleines Ziel –, dass der Staat anfängt, seine eigenen Gesetze ernst zu nehmen. Und es die Möglichkeiten gibt, die auch durchzusetzen. Einen kleinen Teil habe ich dazu beigetragen. Ansonsten hoffe ich, dass dieser Prozess von der Community und vielen weiteren weiterentwickelt und weitergetragen wird – und die Teilhabe existiert – und nicht nur einfach eine Beschreibung für ein abstraktes Konzept ist, das noch nie jemand in echt gesehen hat.
Andreas Brüning: Das war Casey Kreer – Digital-Consultant, Aktivistin, Journalistin – ihr Ziel: das Internet als inklusiver Ort für alle.
Andreas Brüning: Ich bin Andreas Brüning vom iXNet-Team. iXNet ist ein Teil des Service für schwerbehinderte Akademikerinnen und Akademiker der ZAV Bonn (Bundesagentur für Arbeit).